Sie wussten es. Sie hatten die Zahlen. Sie taten es trotzdem.

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Eine Kürzung beim Elterngeld. Bitte einmal kurz innehalten und das wirken lassen. Wir reden hier über jene Leistung, die 2007 in die Welt gesetzt wurde – damals war das iPhone gerade neu im Apple Store. Ja genau, das erste iPhone! WhatsApp existierte noch nicht, ein Liter Diesel kostete 1,18 Euro, und Angela Merkel stand am Anfang ihrer ersten Amtszeit. Die Höchstbeträge, die damals beschlossen wurden, gelten heute noch unverändert. Unverändert. Während sich um sie herum eine ganze Welt zweimal gehäutet hat, sitzen sie da wie ein Findling aus der letzten Eiszeit und tun so, als sei nichts gewesen.

Das Institut der deutschen Wirtschaft hat freundlicherweise nachgerechnet, was dabei herauskommt: Reale Kaufkrafteinbuße von rund 38 Prozent seit 2007 – ohne dass jemals ein Inflationsausgleich erfolgt wäre (Studie Geis-Thöne, IW 2024). Und das IW ist nun wirklich kein Verein, der morgens aus dem Bett springt und denkt “wie helfen wir heute mal den Schwachen”. Wenn selbst die schon sagen, da fehlt was, dann fehlt wirklich was.

Besonders gelungen ist die kommunikative Choreografie, wie ich finde. Die zuständige Familienministerin Karin Prien (CDU) kündigt an, sie werde “um jeden Cent kämpfen”, wenn es um Kürzungen bei Familienleistungen geht (Tagesspiegel, 22.05.2026). Wunderbar. Wir danken. Pikant wird das Ganze, wenn man den Koalitionsvertrag der jetzigen Regierung danebenlegt. Da steht nämlich schwarz auf weiß das genaue Gegenteil: höhere Einkommensgrenze, höhere Mindest- und Höchstbeträge, bessere Regelung für Selbstständige. Die Beträge sollen “spürbar” anzuheben sein – Originalwortlaut (Koalitionsvertrag-Auszug via abgeordnetenwatch). Vor knapp einem Jahr unterschrieben. Und das ist ja kein Einzelfall. Inzwischen ist scheinbar eine spannende neue politische Disziplin entstanden: das Lesen des Koalitionsvertrags als Form satirischer Literatur.

Dass das alles in einer Zeit passiert, in der das Wort “demografischer Wandel” auf jeder zweiten Sonntagsrede vorkommt, macht die Sache nicht besser. Geburtenrate seit Jahren im Sinkflug. Rentensystem stöhnt unter der Last. Wirtschaft schreit nach Fachkräften. Selbst der ehemalige SPD-Vorsitzende Franz Müntefering hat es schon 2006 nüchtern formuliert: “Wir haben zu wenige Kinder. Und die müssen das am Ende bezahlen.” (Focus/Yahoo, Müntefering bei Hart aber fair) Und die Antwort der amtierenden Politik darauf lautet: Wir machen es den wenigen willigen Eltern, die uns noch bleiben, lieber noch ein bisschen unattraktiver.

Das eigentlich Komische – beziehungsweise das eigentlich Bittere, je nach Tageslaune – ist aber das Timing. Wir haben gerade ein Sondervermögen in Höhe von 500 Milliarden Euro für Infrastruktur und Klimaneutralität aufgenommen. “Sondervermögen”, weil “Schulden” ein böses Wort ist und sich politisch nicht so gut verkauft. Laut Ifo-Institut wurden im ersten Jahr rund 95 Prozent dieser Mittel zweckentfremdet und für Haushaltslöcher statt für die versprochenen Investitionen verwendet. Wir nehmen also historische Schulden auf, um Lücken zu stopfen, und kürzen gleichzeitig dort, wo diese Schulden eigentlich strukturell sinnvoll wären – nämlich bei der Generation, die den ganzen Spaß zurückzahlen darf. Das ist eine bemerkenswerte ökonomische Weitsicht: Wir verschulden uns auf den Schultern einer Generation, die wir zugleich aktiv kleiner machen. Der Wirt fragt, wer die Rechnung zahlt, und wir zeigen auf den Säugling im Nebenraum, dem wir gerade die Milchflasche weggekürzt haben.

Wir leisten uns gerade den historiscen Doppelschlag, eine Generation durch Schulden in Beton zu fixieren und ihr gleichzeitig die Bedingungen zu verschlechtern, unter denen sie überhaupt erst entsteht. Wenn die Historiker:innen in hundert Jahren darüber schreiben, werden sie résümieren: “Sie wussten es. Sie hatten die Zahlen. Sie taten es trotzdem.”